Wehrer Historische Dokumente
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| Geschrieben am 15. August 1963 Anläßlich der Erneuerung des Kirchendaches und turmes sind verschiedene Berichte den alten Schriftstücken hinzugefügt worden. Im April 1954 wurde ich als Heimatvertriebene und erstmalig als Frau in den Kirchenvorstand gewählt und möchte nun auch einige Zeilen zur Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten selbst schreiben. Als im Jahre 1945 der 2. Weltkrieg zu Ende ging, besetzten zuerst die Russen die ostdeutschen Gebiete bis zur Oder-Neiße-Linie, später wurden diese Gegenden den Polen zur Verwaltung übergeben; damit sollte das Unrecht, das an den Polen bei der Besetzung durch die Deutschen begangen worden ist, wieder gut gemacht werden. Die Russen hatten schon geplündert, Schlösser ausgeraubt, Frauen vergewaltigt und Menschen, oft zu Unrecht, eingesperrt, mißhandelt und sogar getötet. Was die Russen bei ihrem Wegzuge übrigließen, wurde dann sofort von den Polen geraubt. Die Häuser und Landwirtschaften wurden besetzt; die Deutschen mußten arbeiten, bekamen minderwertiges Essen und notdürftiges Unterkommen. Oft wurden die Wohnungen nun ihres Restes beraubt, was irgend zu verkaufen war, wurde in Polen auf dem Schwarzen Markt zu Geld gemacht, dann bezogen die polnischen Eindringlinge andere Höfe, um von neuem zu Plündern. Im Jahre 1946 begann dann die Aussiedlung, die als humane Aussiedlung getarnt wurde, in Wirklichkeit aber mit aller Härte und Grausamkeit vor sich ging. Zuerst wurden Grundbesitzer und alte Leute abgeschoben, damit die Besitzungen von den anreisenden Polen besetzt werden konnten. Die Heimatvertriebenen wurden mitten in der Nacht aus ihren Wohnungen geworfen und durften nur soviel Gepäck mitnehmen, als sie selbst tragen konnten, also nur wenige kg; alles andere blieb zurück und als arme Menschen traten sie den Weg nach Westen an. Sie wurden aufgefordert, sich zu einer festgesetzten Zeit an einer bestimmten Stelle zu sammeln und wurden dann in den sogenannten Sammellagern registriert und zum Teil von Polen zuletzt nochmals geplündert. So wie die Polen es mit den Deutschen haben auch die Tschechen es mit den Sudetendeutschen gemacht. Viele haben durch die Grausamkeiten der Polen und Tschechen den Westen nicht gesehen und wurden noch in der Heimat begraben. Dann erfolgte der Abtransport der Menschen in Güterwagen der Reichsbahn. In den kleinen Wagen waren oft 30 bis 40 Menschen zusammengedrängt, so daß es nur zum Sitzen auf den wenigen Habseligkeiten reichte. Es wurde nur am Tage gefahren und auch sehr langsam. Die Spezialarbeiter, die von den Polen noch zur Aufrechterhaltung der Betriebe benötigt wurden, mußten zurückbleiben. Sie wurden später, bis auf wenige Optanten, auch ausgewiesen. An verschiedenen Stellen der Westzonen waren Auffanglager für die Vertriebenen errichtet und dorthin wurden die Züge geschleust. Von dort wurden die Menschen dann verteilt. Sie wurden wahllos eingewiesen; jede Dachkammer, egal ob zum Wohnen geeignet oder nicht, war beschlagnahmt worden. Nach Wehre waren 1945 und 1946 ca. 300 Flüchtlinge gekommen und zwar Schlesier, Westpreußen, Ostpreußen, Sudetendeutsche und einige aus dem Warthegau. Nach statistischen Berechnungen sollen nach Beendigungen der Kampfhandlungen durch die Vertreibung noch 2 Millionen Menschen umgekommen sein. Im Jahre 1946 waren in Wehre 2 Kolonialwarengeschäfte und zwar Ernst Hagedorn (mit Bäckerei) und der Flüchtling Heinz Krüger. Inzwischen haben sich aber 2/3 sämtlicher Flüchtlinge in die Industriegebiete umsiedeln lassen und der Umsatz des 2. Geschäftes ging soweit zurück, daß Herr Krüger das Gewerbe am 31.12.1961 abmelden mußte. Da fast gar nicht mehr mit Pferden gearbeitet wird, fallen auch die entsprechenden Wagen weg, und Herr Stellmachermeister Wehle hat sich ebenfalls umstellen müssen. Soweit es seine Kräfte zulassen, fertigt er noch Türen und Fenster an. Auch Herr Schmiedemeister und Kirchenvorstand Gustav Kellner, der erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, hat fast keinen Hufbeschlag mehr. Er hat schon in Anbetracht dessen seinen Sohn neben dem Schmiedehandwerk die Reparatur von Landmaschinen erlernen lassen und seinen Betrieb dadurch erweitert. In den Jahren 1952 und 1953 wurde ein Lastenausgleich für die Flüchtlinge mit entsprechenden Formularen begonnen. Wer in der Heimat nur eine Wohnung hatte, bekam nur Hausratsentschädigung, gestaffelt nach dem damaligen Einkommen, von 1.200, bis 1.800, DM (in mehreren Raten). Derjenige, der Grundbesitz hatte, mußte dies durch Unterlagen und Zeugenaussagen glaubhaft nachweisen und erhält dann, wenn er das 65. Lebensjahr erreicht hat, oder vorher wieder Grundbesitz kauft, einen kleinen Lastenausgleich. Die Schäden werden je nach Umfang in eine Schadenstufe eingereiht, für die je ein Grundbetrag festliegt. Der vollständige Lastenausgleich soll 1970 beendet sein. 1953 ist die Orgel der Kirche von der Wand abgerückt, repariert und durch den Einbau einer elektrischen Gebläsemaschine modernisiert worden, was insgesamt DM 2.773, gekostet hat. Das Landeskirchenamt Wolfenbüttel gab dazu einen Zuschuß von DM 2250,, so daß für die Kirchengemeinde Wehre nur DM 523, zu zahlen blieben. Jetzt ist die Orgel wieder in einem bedauernswerten Zustand und müßte einer gründlichen Reparatur unterzogen werden. Am Ende dieses Schreibens hefte ich einen Ausschnitt aus der Goslarschen Zeitung vom 22.12.1955 über die Ordination in Wehre, Schulnachrichten und Weihnachtsgottesdienst an. gez. Margarethe Berger Kirchenvorsteherin gez. Gustav Kellner Schmiedemeister u. Kirchenvorsteher |