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Geschrieben am 27. Juli 1963
Die Gemeinde Wehre führte bis Anfang 1952 ein ziemlich abgeschiedenes Dasein, fast unberührt von jeglichem Verkehr. Der Grund dafür lag einmal in ihrem rein ländlichen Charakter, weiterhin in den außerordentlich schlechten Zufahrtstraßen, die besonders von Kraftfahrern ängstlich gemieden wurden. Erst Anfang 1952 war es nach langen Verhandlungen mit der Oberpostdirektion möglich, eine regelmäßige Postbusverbindung nach der Kreisstadt Goslar zu erreichen. Gegenwärtig verkehrt dieser Postbus 6 mal täglich zwischen Goslar und Wehre.
Die abgelegene Lage des Ortes und der Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten zwangen einen großen Teil der 1945 und 1946 hier ansäßig gewordenen Vertriebenen, in die Industriegebiete umzusiedeln. Die Einwohnerzahl sank dementsprechend von 670 Einwohnern im Jahre 1948 auf 353 Einwohner im Jahre 1963. Damit vermindert sich auch die Zahl der Schüler, die die hiesige Volksschule besuchen.
Die Schülerlisten wiesen im Jahre 1948 116 Schüler auf, zu Osten 1956 waren nur noch 49 Schüler da. Von Ostern 1947 bis 31.3.1956 war die Schule zweiklassig, der Unterricht erfolgte schichtweise von früh um 7 Uhr bis abend 18 Uhr. Ab Ostern 1956 sank die Schülerzahl unter 50; die Schule wurde einklassig und ist es bis heut. Sie wird gegenwärtig von 39 Schülern der Jahrgänge 1-6 besucht. Die Schüler des 7. und 8. Schuljahres nehmen am Unterricht der Mittelpunktschule in Schladen teil; seit Einführung des 9. Schuljahres in Niedersachsen ab Ostern 1962 auch die des 9. Schuljahres. Gegenwärtig sind insgesamt 2 Schüler und 8 Schülerinnen. Ab Ostern 1963 besuchen alle Schüler ab 7. Schuljahr, die nicht in Schladen unterrichtet werden, die Mittelpunktschule in Immenrode, weil nach Schladen keine Verbindung mit einem öffentlichen Verkehrsmittel vorhanden ist.
An der hiesigen Schule wirkten als Lehrer die Herrn:
von 1905 bis 1947 August Mädje
von 1947 bis 1950 Richard Partsch als 1. Lehrer
Gerhard Cech 2. Lehrer
von 1950 bis 1956 Botho Tarrach als 1. Lehrer
Gerhard Cech 2. Lehrer
ab 1956 bis heut Gerhard Cech als alleiniger Lehrer
Das Schulhaus ist in den Jahren 1958 bis 1960 gründlich renoviert worden. Im Jahre 1958 wurde die Fachwerkwand westlich der Haustür von Grund auf bis zum 1. Stock in massiver Bauweise erneuert, weil sie sich immer mehr nach außen wölbte. Die 4 schmalem Klassenfenster der alten Wand wurden durch 3 große Kipp- und Drehfenster, Verbundfenster, ersetzt. Der Fußboden erhielt einen modernen farbigen Belag aus Marleyplatten, das Haus selbst eine Hauswasserleitungsanlage vom Brunnen aus, mit Zapfstellen in der Klasse, der Küche und der Waschküche und die Lehrerdienstwohnung eine Badeeinrichtung.
In den Jahren 1959/60 wurde weitergebaut. Die Hauswand östlich der Haustür bis zum 1. Stock und die östliche Giebelwand bis unter das Dach wurden in der erwähnten Weise erneuert. Die Lehrerdienstwohnung erhielt ein WC; das Wirtschaftsgebäude neue Tore, Türen und Fenster. Die alten, zugigen mit herzförmigen Ausschnitten in den Türen versehenen Closetts für die Hausbewohner und die Schüler wurden in moderne WC für Schüler umgebaut. Der Schulhof, der bis dahin bei regnerischem Wetter einem unausgebauten Feldwege glich, wurde an der Gartenseite um ca. 50 cm aufgeschüttet und mit einer festen Decke versehen. Das geschilderte Bauvorhaben verursachte Kosten in Höhe von DM 32.315,13.
Die Gemeinde umfaßt gegenwärtig ein Gebiet von 492,96 ha und zählt 353 Einwohner. Der Gemeinderat setzt sich entsprechend der Größe der Gemeinde aus 7 Ratsmitgliedern zusammen.
1.) Bürgermeister u. Gemeindedirektor Cech, Gerhard Lehrer
2.) Bürgermeister Stellvertreter Bock, Wilhelm Zimmermann
3.) die Ratsmitglieder Schacht, Heinrich Treckerfahrer
Marheine, Wilhelm Rentner
Sauermann, Peter Landwirt
Fricke, Gerhard Bauer
Kalies, Walter Landwirt
Das Amt des Bürgermeisters und Gemeindedirektors wird ehrenamtlich verwaltet, ebenso das des Kassenverwalters, das gegenwärtig Frau Margarete Berger innehat. Standesbeamter war bis Januar 1963 der Bauer Rudolf Niemeyer sen., sein Vertreter der Bauer Peter Sauermann. Im Januar 1963 übernahm Herr Sauermann die Standesamtsgeschäfte und Frau Berger die des Stellvertreters.
Gemeindebrandmeister ist gegenwärtig Herr Willi Wiechens, Haus Nr. 6. Das Vereinsleben erstreckt sich auf die Freiwillige Feuerwehr (Gemeindebrandmeister Willi Wiechens), Kyffhäuserkameradschaft (Vorsitzender Willi Wiechens Hs.Nr. 6), Sportverein (Vorsitzender Heinrich Schacht Haus Nr. 40) und den Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten (Vorsitzende Frau Margarete Berger).
In der Landwirtschaft sind beschäftigt, außer den Besitzern und ihren Familien 18 Personen, in den Industrieunternehmungen in Goslar, Schladen, Braunschweig, Salzgitter usw. 75 Personen. Diese Auspendler sind für das Finanzwesen der Gemeinde von besonderem Interesse, weil sie für jeden Auspendler von dem Ort, in dem der Sitz des Industrieunternehmens ist, je Jahr einen Gewerbesteuerausgleichsbetrag von 120, DM erhält. Als Stammarbeiter auf den hiesigen Höfen sind, bis auf einige wenige, Männer der Jahrgänge vor 1910 tätig. Die jüngeren Jahrgänge lernten entweder ein Handwerk oder suchten sich eine Beschäftigung in der Industrie, die mit ihrem höheren Stundenlohn und den modernen Werkwohnungen lockt.
Die Arbeit in der Landwirtschaft wird immer mehr als weniger lohnend angesehen. In den letzten 15 Jahren ist kein Schüler, der aus der Schule entlassen wurde, Landarbeiter geworden. Diese Scheu vor der Landarbeit ist einer der Gründe, daß sich auch die hiesigen Besitzer in ihrer Arbeitstechnik völlig umstellen mußten. Die Mechanisierung schritt rasch voran. Pferdegespanne, die früher das Dorfbild bestimmten sind nur noch selten zu sehen. Trecker verrichten an ihrer Stelle die Arbeit. Gegenwärtig sind nur noch 4 Pferde vorhanden. Mähdrescher ziehen z. Zt. über die Felder, das Stroh wird zum großen Teil auf dem Felde verbrannt. Elektrische Melkmaschinen erleichtern dem Schweitzer seine schwere Arbeit. Ein Hof (Rudolf Niemeyer sen.) ging vor einigen Jahren zur viehlosen Wirtschaft, ein anderer (Walter Reese) zur milchlosen Wirtschaft über. An Stelle des Milchviehs wird nur Mastvieh aufgezogen. Der Bauernhof wird allmählich zur landwirtschaftlichen Fabrik. Die Existenzmöglichkeit der landwirtschaftlichen Betriebe wird gegenwärtig nur durch hohe Subventionen des Staates (Grüner Plan) aufrecht erhalten.
Im Jahre 1959 fand die durchgeführte Verkoppelung ihr Ende. Diese Verkoppelung war schon im Hinblick auf die zu erwartende Mechanisierung in der Landwirtschaft notwendig.
In den letzten 10 Jahren fand in der Gemeinde eine rege Bautätigkeit statt. Fast alle Straßen und Plätze innerhalb des Dorfes wurden asphaltiert, der Neuenkirchner Weg mit einer wassergebundenen Decke versehen, der Sudholzweg völlig neu ausgebaut.
Eine neue Siedlung entstand im Süden des Dorfbildes. Im Jahre 1959 wurden dort 7 Landarbeiter-Eigenheime errichtet, ihnen gegenüber sollen noch 7 folgen. In der Verlängerung dieser Siedlung entstand der modern eingerichtet Bauernhof Sauermann. Die Wohn- und Wirtschaftsgebäude dieses Hofes lagen früher innerhalb des Dorfes und hatten die Hausnummern 28/29. Sie gehörtem dem Landwirt Friedrich Kampe, dem Schwiegervater des Peter Sauermann. Das Haus Nr. 28 ist in diesem Jahre wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Das gleiche Schicksal erlitten die Häuser Nr. 32 im Jahre 1961, Nr. 18 im Jahre 1962 und Nr. 5 im Jahre 1955. An Stelle des alten Hauses Nr. 5 erbaute der Straßenwärter Hermann Wiechens ein neues Wohnhaus. In dem Jahre 1956 wurde entlang der Grundstücke Nr. 37 bis 15 und 1959 und 1960 von Nr. 59 angefangen, entlang der neuen Siedlungshäuser bis zur Gerkstraße und 1963 durch den Schulgarten bis in den Garten Walter Reese eine neue Kanalisation gelegt.
1957 erfolgte nach einem Entwurf von Professor Thulesius von der Technischen Hochschule Braunschweig der Bau des Kriegerehrenmals. Es wurde am 17.11.1957 in einer schlichten Feierstunde eingeweiht. Die Finanzierung konnte allein durch reichliche Spenden aller Einwohner des Dorfes ermöglicht werden. Die Bauer spendeten DM 1, je Morgen, die übrigen Einwohner je nach Einkommen und Interesse für den Bau.
Im übrigen ist das in unserer Bundesrepublik nach 1948 einsetzende sogenannte Wirtschaftswunder auch an unserem Dorfe nicht spurlos vorübergegangen. Als Beweis dafür möge z. B. die Tatsache angesehen werden, daß im Jahre 1948 im Ort nur 2 Autos vorhanden waren. Heut ist die Zahl auf 34 angestiegen.
So möge unser Dorf weiterhin wachsen und vor allen schweren Schicksalsschlägen bewahrt bleiben.
gez. Cech Gerhard
Bürgermeister und Gemeindedirektor
seit 1952 Lehrer an der hiesigen Schule
seit 1.1.1947 Vertriebener aus Ehrenforst, Kreis Cosel Oberschlesien.
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