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Das Dorf Wehre hütet eine Kostbarkeit, die wohl manchem seiner Bewohner, der sie täglich um sich hat, als drückende Lasterscheinen mag, wie ja der Wert und die Einzigartigkeit jedes Schatzes erst dann so recht sinnfällig ist, wenn man ihn noch begehrt, oder ihm schon nachtrauert. Diese Köstlichkeit ist Einsamkeit, tiefe, weltabgeschiedene Einsamkeit.
Dreifach und sich jedesmal erweiternd ist der Kreis, der sie magisch hegt, auf daß sie nicht unversehens entschwinde: einmal der weiten Felder Glanz und Duft, sodann der fernen Kirchtürme Groß und Klein Döhrens, Neuenkirchens, Schladens und Beuchtes spitzer Zaun und endlich der alten Berge blaßblauer, zerknitterter Kranz.
Das Dorf, im MIttelpunkt dieser Harmonie Landschaft und Einsamkeit war nicht von jeher so weltabgewandt. Es gab eine Zeit, in der ihm von Süden Klein Beuchte und nach Nordosten Ost Wehre gute Nachbarschft hielten, beides Ausbaudörfer, von denen Klein Beuchte um die Mitte des 14. Jahrhunderts ausgegangen ist. Von Ostwerri wird uns zweihundert Jahre vor der ersten Bezeugung des Hauptortes dadurch Kunde, daß in ihm wie in Döhren, Dörnten und Weddingen ein Tiemo Güter besaß, die ihm 1053 durch Urteil der Schöffen ab und dem Kaiser zugesprochen wurden. Kaiser Heinrich III. schenkte sie, die ausdrücklich als im Leragau und der Grafschaft des Adelhards liegend aufgeführt werden, am 3. November 1053 der hieldesheimischen Kirche.
Die Lagebezeichnung Ost ist 1314 durch das messende, abschätzende Klien ersetzt worden. Da sich jedoch sämtliche unterschiedene Zusätze beider Ortsnamen Wehre um die Wende 14. Jahrhunderts verlieren, ist es möglich, daß Klein Wehre, über dessen Dächern nach einer Versetzungsurkunde des Ludecke von Flöthe 1355 noch der Rauch der Herdfeuer lag, in dieser Zeit wüst geworden ist.
Es wurde verlassen, weil es seinen Bewohnern behagte, sich im Schutz der Burg Schladen seßhaft zu machen. Wie die Seßhaftmachung in Schladen bis auf den heutigen Tag örtlich nachweisbar ist, läßt sich auch die aufgegebenen Dorfstelle zwischen den Sud und dem Wehrkenholze noch annähernd bestimmen. Das Wehrkenholz hat durch all die Jahrehunderte hindurch, die seitdem in die Ewigkeit gingen, den Namen Wehrken, das ist nach unserer Sprachübung eben KLein Wehre, treu bewahrt.
Im Mutterdorf Wehre am Ahlerbach, das erstmalig 1258 in einer Akte des Bischofs Johann Erwähnung findet, war das an Besitz und Einfluß reiche, edele Geschlecht derer von Wehre ansässig, das bereits bei seinem Auftretn mit Berthold 1147 und Tedevus 1158 mehrfach gezweigt ist. Da im Jahre 1351 unter dem Gute, das die Ritter von Dörnten von diesen Edlen zu Lehen trugen, ausdrücklich twene Borchwelle in Wehre aufgezählt werden, eine Angabe, die bei einem Waldhof mit zwei hintereinanderliegenden Wällen überflüssig und daher unwahrscheinlich ist, müssen sie zwei mit Wall und Graben in landesüblicher Weise gesicherte Höfe in einem und demselben Dorfe gesessen haben, ein Umstand, der naturgemäß nur bei engster verwandtschaftlicher Verbundenheit der Inhaber tragbar ist.
Die Gesamtfamilie war, wie aus den Verkäufern hervorgeht, die sie nach und nach vornahm, reich gegütert, besonders aber in Wehre und Altenrode. Während es sich bei den Liegenschaften in Wehre einschließlich der Kirche und Gerichtbarkeit um Eigengut zu handeln scheint, entstammt der Altenröder Besitz zum großen Teil, wenn nicht ganz, aus dem Lehngedinge der Herren von Boldensel, deren Zustimmung bei Veräußerungen eingeholt werden mußte. Einzelne Teile dieses Besitzes in Altenrode waren auf Erbzins an Meier vergeben.
Gar mannigfach ist im Wandel der Zeit die angedeutet Veränderung im Gütestand der Herren von Wehre gewesen. So veräußerte Hugo von Wehre, der Sohn des Tedevus, seit 1174 bekannt und 1187 Schöffe im Grafengericht des Grafen Ludolf von Wöltingerode, 1194 den Zehnten der Waldrodung Nienrode an das Kloster Dorstadt und seinem Beispiel folgend, Thetlef und Theoderich 1217 den Zehnten on Allvessen bei Beuchte dem Kloster Wöltingerode. Weiter gabe die Herren von Wehre ab: 1191 Konrad - dem Kloster Heiningen in Altenrode 4 1/2 Hufen, 1239 dem Kloster Dorstadt 4 Hufen, 1268 dem Domstift die Kirche des Stammortes, 1269 dem Domstift die Gerichtbarkeit über seine Güter in Wehre, 1282 - Detlef dem Kloster Wöltingerode 2 1/2 Hufen und einen Wald in Lengde, 1304 Albert und Konrad dem Kloster Heinigen 4 Hufen und eine Hofstelle in Altenrode, 1306 dieselbe dem Kloster Wöltingerode 4 Hufen gandersheimisches Lehen in Groß Lengde für 42 Mark Silber, 1310 demselben Kloster Güter in Weddingen.
Die Verkäufer der Grundstücke durch Albert und Konrad von Wehre sind anscheinend in der Absicht erfolgt, für den Erlös von dem Bischof Albrecht von Halberstadt ein Burglehen auf dem Schlosse Hornburg zu erwerben. Als um Mitte des 14. Jahrhunderts die Ritter von Schwicheldt und Oberg von Neuwallmoden aus Hetzfrohe Feldzüge in die benachbarten Lande veranstalteten, nahmen Herzog Magnus von Braunschweig, Erzbischof Diedrich von Magdeburg, Bischof Albrecht von Halberstadt und viele Grafen und Ritter diese Beutefahrten zum willkomenen Anlaß, Ende August 1367 mit Rauben, Morden und Sengen in das Stift Hildeshiem einzufallen. Der hildesheimische Bischof Gerhard schlug jedoch am 3. September bei Dinklar ihre dreifache Übermacht mit Gottes Hilfe und dem Geschrei seiner Mannes Schuf na, Lewe Maria. Unter den Gefangen dieser Schlacht, die Bischof Albrecht von Halberstadt am 3. Oktober auf der Liebenburg löste, befand sich auch ein Nachfahre der nach Hornburg umgesiedelten Brüder, der Ritter Bernd von Wehre, der gar tapfer gegen seine hildesheimischen Vetter gefochten hatte. Mit ihm, als den Ghestrengen Bernd von der Werre, ist die von Albert und Konrad begründete halberstädtische Linie noch einmal 1378 bezeugte. Der eine der Stammväter dieses Zweiges, Konrad, zeitweilig Kastellan auf der Burg Harlingeberg, hatte 1277 vergeblich versucht, sich in Goslar auf einem Hof des Domstiftes, der unter dem Rammelsberg, also wohl am Bargedorp lag, dauernd seßhaft zu machen.
1351 scheinen die Herren von Wehre ihr Erbgut in Wehre aufgegeben zu haben, da sie in diesem Jahre den Rittern von Dörnten daselbst als Familienlehen die beiden Burgwälle, die Gerichtbarkeit über das Dorf und das Hagenholz und über die Güter des Domstiftes, die sie zwar 1269 verkauft, aber inzwischen zurückerworben hatten, sodann 5 1/2 Hufen Land, vier Höfe, drei Teiche, ihre Anrechte an dem Weddingerholz und ein Höfchen, auf dem damals die Taverne, der Krug, stand, überließen. Außer diesem aber trugen sie von Dörnten noch weitere Wehresche Lehen, so bis 1367 den halben Zehnten und drei Hufen in Westharingen.
Die Ritter von Wehre, von denen Detmar 1254 das Gogericht Bocla hegte, führten, vielleicht als Sinnbild ihrer starken, weiverzweigten Sippe, eine Anzahl an Eisenhütlein am Schilde.
Im Gegensatz zu diesem Famileinwappen siegelten Dietrich von Wehre 1290, als er mit Bischof Siedfried II. eien Pakt über Güter in Hary schloß, diesen mit vier Wolkenbalken und 1306 die Brüder Albert und Konrad dem Klosetr Wöltingerode einen Verkaufsbrief über ihren Besitz in Lengde mit einem Fäh, das ist eine Hündin oder Wölfin. Sie werden nach landesüblichen Brauch dei Wappenbilder die Benutzung genommen haben, die größerem, von denen erworbenen Besitz anhafteteten, die letzteren vielleicht das ihres neues Burglehens in Hornburg.
1370 vermeldetete noch eimal eine Nachricht ausklingend die Tatsache, daß die Herren Bernd von Wehre und Ludwig an der Fehde des Bischofs Gerhard gegen die Braunschweiger teilhatten. Dann geht der Wind über die Stätte des Geschlechts und verweht seine Spur.
Außer diesen alteingesessenen edlen Herren waren an dem Dorfe die Ritter von Burgdorf mit einem Reichlehen und die von Gowische mit 8 1/2 Hufen und fünf Höfen aus dem 121 Hufen fassenden Gedinge des Domstiftes beteiligt. Als die Ritter von der Gowische sich zu ihren Vätern versammlten, übertrug Bischof Herhard dieses Lehen 1395 seinem getreuen Stiftsmarschall Hans von Schwicheldt. Den Grafen von Schladen waren 1334 noch 4 Hufen Restgut zu eigen, das dem Goslarer Bürger Johann Meise verkauft wurde.-
Neben dem schon erwähnten Domstift hatten auch das Godehardikloster in Hildesheim 1146, das Peterstift 1158, das Kloster Ringelheim 1209 je eine Hufe, das Kloster Dorstadt 1239 vier Hufen von Wehreschen Besitz, das Neue Hospital in Goslar 1258 fünf Hufen bischoflichen Lehen, das Klosetr Frankenberg 1294 und Hieningen 1324 eine Hufe von Schladensches Gut in Wehre erwerben konnte, so daß die geistlichen Stiftungen einschließlich des Domstifts mit mehr als 25 1/2 Hufen, das sind 765 Morgen, an seiner Feldmark Anteil hatten.
Den Zehnten aus der Gemarkung Klein Wehre zogen die in Beuchte und Lengde reich begüterten Ritter von Rössingen, während der von Groß Wehre, ursprünglich als bischöfliches Lehen im Besitz der Grafen von Wohldenberg, 1341 auf die Familie Kopmann in Goslar überging.
Nachdem die Ausbauersiedlungen Klein Wehre und Klein Beuchte wüst geworden waren, lag das Dorf Wehre von seiner Einsamkeit umringt wie eine Spinne in ihrem Netz. Aber obwohl sich diese Einsamkeit so weitet, daß sie nur das schwellende Geläut der Kirchenglocken überwindet, wenn ein sanfter Wind es aus den Nachbardörfern hebt und trägt, war die Zone des Schweigens doch nicht groß genug auch plündernde Kriegsvölker abzuhalten. Die fanden das stille Dorf so sicher, wie Schweißhunde, die auf eine frische Fährte gesetzt werden, und füllten es mit ihrem Lärm und ihren Untaten.
Schon nach der schrecklichen Schlacht bei Lutter am Barenberge kam das böse Geschrei und die Unruhe nach Wehre, so daß jedermann voller Sorge und Kummer war. Nachdem die fremden Völker abgerückt waren, fand man alle Kohläcker verderbt, die Häuser und Gärten übel zugerichtet und die Kirche, des Opfermanns Hüttlein und andere Häuser mehr durch Kriegsgewalt und Verwahrlosung angezündet und abgebrannt. Des Opfermanns Haus hat etliche Jahre in Asche gelegen.
Als dann Friedrich der Große über ienhundert Jahre später Schlesien durch sieben lange, furchtbare Kriegsjahre gegen eine Welt in Waffen verteidigte, kam wiederum die schwere Not über unsere Heimat. Denn als dieser Krieg entbrannte, stellte sich Georg II. König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover und der Herzog Karl V. von Braunschweig, dieser seinem Herzen, jener der nüchternen Erwägungen selbstsüchtiger Politik folgend, auf die Seite des preußischen Königs, was zur Folge hatte, daß die Franzosen versuchten, in die Länder Hannover und Braunschweig einzudringen. Da der Herzog von Cumberland, Wilhelm August, Georgs zweiter Sohn, am 26. Juli 1757 bei Hastenbeck (Hameln) von den Franzosen geschlagen wurde, fiel unsere ganze niedersächsische Heimat tatsächlich in die Hände der Feinde. Auf den Vormarsch nach Braunschweig Wolfenbüttel wurden die Dörfer unserer engeren Heimat zum ersten Male von den Franzosen besetzt und durch Kriegssteuern und Einquartierungen hart gestraft. Ein Friede, den die Engländer auf Grund dieser verlorenen Schlacht zu schließen beabsichtigten, wurde im letzten Moment vereitelt. So konnte der preußische Generalfeldmarschall Herzog Ferdinand von Bevern das Land vom November 1757 bis Frühjahr 1758 vollständig vom Feinde säubern. Während dieser Kampagne hatte Prinz Heinrich, der Bruder Friedrichs des Großen, sein Hauptquartier zeitweilig in Flachstöckheim aufgeschlagen.
1760, als Ferdinand durch militärische Unternehmungen in Westfalen gebunden war, drangen die Franzosen abermals bis Northeim vor und legten bei Einbeck ein verschanztes Lager an, aus dem sie umfangreiche Streifzüge durch das Stift Hildesheim und das Herzogtum Braunschweig bis nach Halberstadt unternahmen. Auch in dieser zweiten Periode, die ein blutiger Kleinkrieg begleitet, wurde unsere engere Heimat gebrandschatzt.
1761 beherrschten die Franzosen immer noch das Leinetal. Ein Vorstoß, der sie wieder in den Besitz des Landes Braunschweig bringen sollte, führten sie in diesem Jahre über Gandershiem Salzgitter bis vor das durch Invaliden schwachbemannte Wolfenbüttel, das erst nach mehrtätiger Beschießung am 11. Oktober sich ergab. Da aber die Franzosen schon am 13. Oktober von dem Prinzen Friedrich von Braunschweig geschlagen wurden, dauerte diese letzte Besatzung unserer Heimat nicht lange.
Am 3. November 1762 schloß England mit Frankreich in Fontainebleau eine Vorfrieden, auf Grund dessen die Franzosen das bis dahin gehaltene Göttingen räumten. Die Feindlichigkeiten entfernten sich dadurch immer mehr von unserer Heimat, bis sie durch den allgemeinen Frieden 1763 endlich ganz einschliefen.
Wehre hatte 1758 während des ersten Vorstoßes der Franzosen auf Wolfenbüttel von den in ihren Ansprüchen unverschämten Feinden besetzt bis zum Sonntage, da man predigte:
Und er trieb einen Teufeln aus und der war stumm. Aber auch die siegreichen Preußen verfuhren nicht säuberlich mit dem neutralen stiftshildesheimischen Dorfe, Es mußte 1758 anteilmäßig zu den 30 000 Talern beisteuern, um die kecke preußische Husaren und Dragoner das Amt Wiedelah geschatzt hatten.
Eine Aufzeichnung beklagte ferner die Verluste, die es während eine zweijährigen, wechselnden Einquartierung wahrscheinlich 1760-61 durch Franzosen, Hannoveraner, Hessen und Braunschweiger erlitt. Überdies wurden die Bauern zu dauernden Vorspanndiensten gezwungn, durch die ihnen gar manches Pferd verloren ging. Dazu kamen Sachlieferungen und Steuern und eine starke Zwangsaushebung der jungen Burschen, so daß es den Bauern aus Wehre gar ernst war, als sie 1763 unter dem Friedensgeläut ihrer Glocken mit nassen Augen und frohen Herzen in Ihrer schlichten Kirche das alte Lied sangen:
Gottlob, nun ist erschollen
das edele Fried und Freundenwort,
daß nunmehr ruhen sollen
die Spieß und Schwerter und ihr Mord.
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